Pietà
»Zunächst hört man in Streichs Pietà ein kaum wahrnehmbares Schaben, Zupfen, Pochen und Kratzen. Dann Klagetöne des Cellos, zwischen irdischer Erschöpfung und jenseitiger Trance im Flageolett. Aber was sind das noch für Geräusche? Wo kommen die her? Wer das Booklet liest, weiß: Dünne Papier-und Plastikstreifen traktieren das Cello, angetrieben durch winzige Motoren. So schafft Lisa Streich ganz offensiv Parallelen zum Bildtypus der Pietà: Der Instrumentenkorpus im Schoß, gewissermaßen gegeißelt. Das Schöne: Auch wenn man das nicht weiß, ist man sofort sinnlich gefangen, bekommt unmittelbar einen Gefühlseindruck von Einsamkeit, Kälte, Zerbrechlichkeit - vor allem im krassen Kontrast zum hinausschreienden Schmerz. [...] Ausbrüche wie diese sind selten in der Musik von Lisa Streich - sie bewegt sich vor allem am Rand des ›Kaum-Hörbaren‹, arbeitet mit feinen Clustern im Vierteltonbereich, exakt notiert, gegeneinander verschoben und überlagert, sodass für den Hörer am Ende eine wundersame Ungreifbarkeit herauskommt - wie etwa in Agnel für 12-stimmigen Chor, Objekte, Knabenstimme und Elektronik. [...] Mittel und Technik sind nicht neu. Nie aber sind sie Selbstzweck einer verqueren, atonalen und wie auch immer andersartigen Zeitgenössischen Musik. Sondern immer im Dienst der Aussage, der Geschichte dahinter. Und so wirkt es auch ganz natürlich, dass immer mal wieder auch Dur- und Mollflächen aufschimmern. Lisa Streichs Musik fordert vor allem auf zum genauen Hinhören, und durch dieses genaue Hinhören entsteht auch ein ungewohnt intensives Nachhören.« (Johann Jahn, BR Klassik, 12. April 2018)
Music, German, 2018
Wergo, Mainz, 2018